Grammatik – Vom Zuhören ausgehend

Greg Thomson schreibt zum Thema Grammatik:

Der Durchschnittsbürger versteht unter Sprachelernen meist „Reden lernen“, und er betrachtet Grammatik als eine Reihe von Regeln zum Formen von Sätzen. Dies ist einer der Kernpunkte derAnsätze, die beim Sprachelernen vom Reden ausgehen, nicht vom Zuhören. Man kann Grammatik aber auch als eine Reihe von Sprach-Merkmalen betrachten, welche Muttersprachler beim Zuhören ständig anwenden, um Gehörtes zu verarbeiten.

Bei „Grammatik-Übungen, die vom Zuhören ausgehen” wird die Grammatik in Versteh-Übungen integriert. Solche Übungen bieten ausgezeichnete Gelegenheiten, sich mit vielen Aspekten der Grammatik vertraut zu machen, und der Lernende nimmt aktiv daran Teil. Beim traditionellen Grammatik-Unterricht wird der Lernende nicht wirklich aktiv.

Bill Van Patten ist bekannt für die Idee, TPR-ähnliche Übungen zu verwenden, welche die WT  dazu zwingen, beim Zuhören und Verarbeiten ihre Grammatikkenntnisse anzuwenden (auch bekannt unter dem Namen strukturierter Input). Wir selber, und bestimmt auch andere, haben bereits solche Übungen gemacht, lange bevor Van Patten darüber geschrieben hat. Stellen wir uns zum Beispiel jemanden vor, der Deutsch lernt, und Schwierigkeiten hat mit der Unterscheidung von „er“ und „sie“. Wir könnten einen Satz von Bildpaaren auf dem Tisch ausbreiten. In jedem Bildpaar wird dieselbe Situation dargestellt, einmal steht eine männliche Person im Mittelpunkt, das andere Mal eine weibliche. Der Sprachpate macht dann Aussagen wie „Er schwimmt“, oder „Sie schwimmt“. Der WT sucht zunächst das Paar, auf dem Schwimmer zu sehen sind. Zusätzlich muss er sich für den Jungen bzw. das Mädchen entscheiden, das schwimmt.

Eine solche Übung braucht nicht viel Erklärung, solange Sprachpate und WT wissen, was jeder tun soll. Der Zweck solcher Übungen ist, den WT zu zwingen, auf die relevanten grammatikalischen Einzelheiten zu achten. Viele Sätze kann man im Zusammenhang verstehen, ohne auf die grammatikalischen Einzelheiten zu achten. Wenn der WT zum Beispiel eine Geschichte hört von einem Mädchen, und das Mädchen geht schwimmen, braucht er nicht darauf zu achten, ob es „er geht schwimmen“ oder „sie geht schwimmen“ heißt, denn er weiß ja, dass es um ein Mädchen geht. Er wischt den Unterschied gewissermaßen unter den Teppich, denn im Zusammenhang der Geschichte versteht er es auch so. Übungen, welche bestimmte grammatikalische Merkmale hervorheben, hindern den WT daran, diese unter den Teppich zu wischen.

Nun können wir natürlich keine Übungen entwerfen, die für jede Sprache relevant sind, da ja jede Sprache anders ist. Das obige Beispiel ist z.B. in Kasachisch oder Mandarin völlig irrelevant. Die Grammatik-Übungen in den vorliegenden Sitzungen muss also je nach Sprache geplant werden, am besten Schritt für Schritt, im Laufe der Zeit, wenn die Lernenden auf Aspekte der Grammatik stoßen, die ihnen Mühe machen. Zu solchen Aspekten müssen dann Übungen entwickelt werden, welche die relevanten Unterschiede hervorheben.

Wir empfehlen nicht mehr, eine Liste von Grammatik-Merkmalen anzufertigen, und die Liste der Reihe nach durchzuarbeiten. Wir empfehlen vielmehr, die Merkmale dann anzugehen, wenn sie im Lauf der Sitzungen auftauchen und für die Hier-und-Jetzt-Phase wesentlich erscheinen. Viele grammatikalische Einzelheiten müssen schlicht auf später verschoben werden. Ein Deutsch-Anfänger hört zum Beispiel Sätze wie „Der Mann steht am Fenster.“ Die Form „steht“ kommt beim Reden über die Hier-und-Jetzt-Phase ständig vor, und sollte kaum Probleme verursachen. Die WT werden sie vermutlich bald schon selber anwenden. Das Wörtchen „der“ ist ein anderes Thema, und seine Funktion wird dem Lernenden vielleicht noch lange schleierhaft sein. Die Reihenfolge der Wörter „am Fenster“ („am“ kommt vor „Fenster“, nicht nachher), ist z.B. für einen Japaner neu. Eine Zuhör-Grammatik-Übung zu diesem Thema ist in einem solchen Fall angesagt, da in dieser Phase viel darüber geredet wird, was sich wo befindet.

Wenn ein WT merkt, dass ihn die Grammatik ablenkt, und dass Grammatik-Diskussionen viel Zeit auffressen, dann muss er ihnen enge Grenzen setzen, damit genügend Zeit bleibt für das wachsende Teilnehmen. Es tut uns richtig weh, wenn wir WT sehen, die einen großartigen Anfang gemacht haben, und schon wenig später ist ihr Tisch mit Papier bedeckt, wo eigentlich Puppen, Obst und Gemüse sein sollten. Sie versuchen, komplexe Grammatik zu kapieren, mit Hilfe von Papier und Bleistift, und reden dabei ständig in der Zwischensprache, anstatt in der Sprache, die sie lernen möchten. So etwas kann eine kurzfristige oder auch dauerhafte Entgleisung der wachsenden Teilnahme sein. Auf jeden Fall bremst es das Wachstum beträchtlich.

Eine Sprache lernen ist ein lange andauernder Prozess. Viele „Sprachlerner“ möchten auf der Stelle sprechen können wie die Einheimischen, und sie glauben, das mangelnde Verständnis der Grammatik hindere sie daran. Und dann erlauben sie der Grammatik, sie zu erwürgen. Entgleist und erwürgt – was für eine Kombination! Sie müssen sich klar machen, dass es nur einen einzigen normalen Weg gibt zum Redenlernen: sie müssen die Sprache zunächst schlecht sprechen!! Wenn sie munter drauflos reden, werden sie Fortschritte machen. Sie können Zuhör-Übungen machen, bei denen die Grammatik im Vordergrund steht, und bei denen der Lerner aktiv beteiligt ist. Dadurch werden ihnen wichtige Aspekte der Grammatik bewusster. Später können sie auch Übungen machen, um korrekter reden zu lernen (darauf wird hier nicht eingegangen, da es nicht zur Phase 1A gehört), aber Grammatikkenntnisse sind nur ein Bruchteil von dem, was es braucht, um „wie die Einheimischen“ zu klingen. Man darf deshalb der Grammatik nicht erlauben, das Lernen zu dominieren.

Quelle: Dropbox von Greg Thomson Phase  1A

 

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