Das Eisberg-Prinzip

von Greg Thomson, 2006

Originaltitel: „There Is an Iceberg of Words in Your Brain”

Übersetzt von Kathrin Pope, September 2008, überarbeitet November 2014

Beim Lernen einer Fremdsprache bilden die vielen Wörter, Begriffe und kulturellen Fakten, die man lernt, eine Art Eisberg im Kopf des Lernenden.

An der Spitze des Eisbergs, über der Wasseroberfläche, befinden sich Wörter, die der Lernende beherrscht, und die er regelmäßig benutzt. Ganz unten, an der Basis des Eisbergs, befinden sich die Wörter, die dem Lernenden bekannt vorkommen, die er aber nicht versteht. Über der untersten Schicht befinden sich Wörter, die er im Zusammenhang verstehen kann. Darüber kommen die Wörter, die der Lernende auch isoliert, ohne Zusammenhang, versteht. Darüber befinden sich Wörter, die er mit etwas Anstrengung verwenden kann, wenn es unbedingt sein muss. Darüber, dicht unter der Oberfläche, kommen die Wörter, die er schon ein oder zwei Mal verwendet hat.

Wörter bewegen sich im Eisberg aufwärts, indem man sie immer wieder hört in einem Zusammenhang, den man verstehen kann.

Was hat das mit Sprachelernen zu tun?

Wie oft hast du schon nach einem Wort oder einem Ausdruck gesucht, und du kannst ihn in dem Moment beim besten Willen nicht abrufen? Dann hörst du jemanden dieses Wort sagen, und du denkst: „Klar, das war’s!” Du fühlst dich dumm, weil du dich nicht spontan an das Wort erinnern konntest. Du solltest dich aber überhaupt nicht dumm fühlen, sondern dich darüber freuen, dass du das Wort wieder erkannt hast, als du es hörtest. Das bedeutet nämlich, dass es irgendwo in deinem Kopf gespeichert war. Das nächste Mal kommt es dir dann schon eher in den Sinn.

Viele Sprachelernende verwenden viel Energie darauf, neue Wörter schon nach der ersten Begegnung so zu lernen, dass sie sie in jeder Beziehung beherrschen. Sie entdecken bald, dass sie einen großen Teil der Wörter, die sie auf diese Art lernen, fast ebenso schnell wieder vergessen. Unser Vorschlag ist, neue Wörter zunächst in den Unterwasser-Teil des Eisbergs einzubauen und sie dann von selber aufsteigen zu lassen.

Betrachten wir mal einen bestimmten Lernenden. Er gibt sich viel Mühe, um 300 Wörter der Spitze des Eisbergs hinzuzufügen (mit dem Ziel, sie spontan anwenden zu können). Und es dauert nicht lange, da stellt er fest, dass nur etwa 200 Wörter wirklich an der Spitze geblieben sind. Ein anderer Lernender fügt mit etwa der gleichen Anstrengung 1000 Wörter zur Basis seines Eisbergs hinzu (mit dem Ziel, diese Wörter verstehen zu können, wenn er sie im Zusammenhang wieder hört). Er stellt bald darauf fest, dass schon über 200 davon zur Spitze hinaufgestiegen sind. Der zweite Lernende hat soviel erreicht wie der erste, wenn man die Anzahl Wörter über der Wasseroberfläche betrachtet. Aber er hat zusätzlich 800 Wörter in den unteren Schichten seines Eisbergs, welche sich auch bereits auf dem Weg nach oben befinden. Der erste hat nur 100 weitere Wörter in den unteren Schichten.

Wenn du ein neues Wort zum ersten Mal hörst und verstehst, wandert es in die Basis deines Eisbergs. In dem Maße, wie du das selbe Wort wieder antriffst, in verschiedenen Zusammen­hängen, steigt es höher. Wenn du es etwa in einem Dutzend verschiedener Zusammenhänge gehört hast, befindet es sich schon fast an der Oberfläche. Du kannst es nun hin und wieder selber anwenden, und wenn du das ein paar Mal gemacht hast, wird es Teil der Spitze, die über die Wasseroberfläche hinausragt. Das Wort ist dir vertraut geworden, du kannst es mühelos anwenden.

Nach unserer Erfahrung empfinden die meisten Sprachelernenden das Eisberg-Prinzip als Ermutigung. Es gibt aber auch Leute, die finden es frustrierend. Sie würden lieber weniger Wörter lernen, und diese dafür richtig beherrschen. So hoffen sie wenigstens. Wenn sie nach dem Eisberg-Prinzip lernen, empfinden sie, dass sie sich „nichts merken können”. Für den Beobachter ist es zwar offensichtlich, dass sie sich an sehr viel erinnern. Sie reagieren nämlich korrekt auf Dinge, die sie hören, und sie können Wörter aussprechen, wenn sie auch nur sanft daran erinnert werden. Ihre Definition von „sich etwas merken können” ist zu eng. Sie zählen nur das, was sie ohne Zögern und genau richtig sagen können.

Schlüssel zum Eisberg-Prinzip

(1) Der Eisberg wächst, indem der Lernende zuhört und versteht, bevor er versucht, neue Wörter auszusprechen.

(2) Sich hohen Dosen von verstehbarem Input aussetzen, mit dem Ziel, dass die neuen Wörter „verstärkt” werden, dadurch im Eisberg höher klettern und schließlich über die Wasseroberfläche aufsteigen. Solch verstehbarer Input soll in immer wieder neuen Zusammenhängen stehen.

(3) Die Begegnungen mit neuen Wörtern sollen „echte Begegnungen” sein.

(4) Zielorientiert arbeiten.

(5) Wörter, denen man begegnet ist, bewusst auffrischen.

(6) Konkret über das Wachstum des aktiven Wortschatzes nachdenken (im Gegensatz zum passiven Wortschatz).

Den Stress des Sprechens abbauen

Den Stress des Sprechens abbauen

Ein weiteres Bild davon, wie sich Wörter im Kopf ansiedeln ist der Vulkan: der Druck der Wörter im Kamin des Vulkans stößt andere Wörter aufwärts, zum Krater hinaus.

Während der Lernende Wörter sammelt durch ver­schie­dene Übungen, bei denen das verstehende Zuhören im Vordergrund steht, bleibt ihm mehr emotionale Energie übrig, um sich an den zwischen­menschlichen Kontakten und an der Sprache zu freuen. Mit zunehmender Verstehfähigkeit wird auch die Motivation und die Fähigkeit, sich in eigenen Worten auszudrücken, wachsen.

Schlüssel 1.  Innerhalb von Kommunikation Wörter sammeln

Schlüssel 2: Sich hohen Dosen von verstehbarem Input aussetzen

Manche Sprachelernende verwenden unglaublich viel Energie aufs rasche Lernen von Wörtern durch stures Auswendiglernen. Danach sind sie enttäuscht, wenn sie feststellen, dass sie viele der so gelernten Wörter nicht langfristig aktiv benutzen können. Die Wörter sind in tiefere Schichten des Eisbergs abgesunken, anstatt an der Oberfläche verfügbar zu bleiben.

Mit demselben Aufwand an Zeit und Mühe könnten diese Leute eine große Zahl von Wörtern in die unteren Schichten des Eisbergs einbauen und gleichzeitig viele weitere im Eisberg bereits vorhandene Wörter weiter aufwärts schieben. Dazu müssten sie sich in kommunikative Sprachlern-Übungen stürzen, bei denen das Verstehen im Vordergrund steht, und das Auswendiglernen von Vokabellisten aufgeben.

Je mehr Wörter man in die unteren Schichten des Eisbergs hinein sammelt, indem man ihnen in Zusammenhängen begegnet, in denen man die Bedeutung verstehen kann, desto größer wird auch die Spitze des Eisberg.

Was ist eine kommunikative Übung?

Bei einer kommunikativen Übung kommuniziert der Lernende mit einem kompetenten Sprecher in der Zielsprache. Dem zugrunde liegt die Auffassung, dass man eine Sprache am wirkungsvollsten lernt, wenn man sie im Zusammenhang hört und verarbeitet, nicht durchs Auswendiglernen von Wörtern und Ausdrücken in Isolation. Einige Beispiele:

Bei der „eiliges Dutzend“-Übung beschäftigt man sich intensiv mit zehn bis fünfzehn Gegenständen, Handlungen oder Bildern (also rund ein Dutzend). Das Ziel ist dabei nicht, die neuen Wörter vollständig zu beherrschen, sondern sich damit vertraut zu machen.

Hier der Ablauf einer solchen Übung: Wir beginnen mit zwei Begriffen. Nehmen wir mal an, wir möchten die Begriffe für die verschiedenen Teile eines Autos lernen. Wir können dazu das Bild eines Autos verwenden, ein Spielzeugauto, oder auch ein richtiges Auto. Der Sprachpate (SP) beginnt zum Beispiel mit der Autotür und dem Lenkrad. Er sagt uns ein paar Mal: „Dies ist die Tür. Dies ist das Lenkrad.”

Dann fragt der SP: „Wo ist die Tür? Wo ist das Lenkrad?” Wir reagieren durch Zeigen, nicht durch Reden.

Wenn wir uns sicher fühlen, kommt ein dritter Begriff dazu. „Wo ist die Tür? Wo ist der Reifen? Wo ist das Lenkrad? Wo ist der Reifen? Wo ist das Lenkrad? Wo ist die Tür? Wo ist die Tür?” Wir reagieren durch Zeigen, nicht durch Reden.

Immer wenn wir uns sicher genug fühlen, kommt wieder ein neuer Begriff dazu. Nur ein neuer Begriff auf einmal. Der SP fragt die bereits gelernten Begriffe in rascher Folge und durcheinander ab. Also: Mit zwei Begriffen anfangen, dann jeweils einen neuen Begriff dazu nehmen.

Im Anfängerstadium verursacht das Abweichen von dieser Regel meist Frustrationen. Später ist es manchmal möglich, von den Regeln abzuweichen.

Ein weiteres Beispiel: Nehmen wir an, du möchtest lernen, nach der Toilette und anderen Räumen zu fragen. Du zeichnest einen einfachen Grundriss deines Hauses. Der SP zeigt dann auf die verschiedenen Räume und sagt dir (in seiner Sprache): „Dies ist die Küche, dies ist die Toilette. Wo ist die Küche? Wo ist die Toilette?”Dann kommt der Eingang dazu, später das Schlafzimmer, die Wohnstube, usw.

Da er bei neuen Begriffen jeweils auf den betreffenden Raum auf dem Grundriss zeigt, kannst du verstehen, was er sagt, auch wenn du diese Wörter noch nie gehört hast. Du verarbeitest, was du hörst als Sprache, nicht indem du Wort für Wort übersetzt, sondern indem du dank des Zusammenhangs die Bedeutung verstehst. Dies ist ein wesentlicher Punkt: Du lernst die Sprache am besten, wenn du das, was du hörst als Sprache im Zusammenhang verarbeitest, nicht durchs Auswendiglernen von aus dem Zusammenhang gerissenen Wörtern.

Wenn du schon etwas weiter fortgeschritten bist, kannst du dir zum Beispiel mit deinem SP einen Stummfilm oder einen Trickfilm für Kinder ansehen. Du forderst den SP auf, während des Films zu beschreiben, was er sieht. Diese Beschreibung nimmst du auf. Danach hört ihr gemeinsam die Aufnahme an. Du unterbrichst jedesmal, wenn ein neues Wort vorkommt, und fragst nach (in der Zielsprache). Auch das ist eine kommunikative Übung. Die unbekannten Wörter sind eingerahmt von soviel verständlichem Zusammenhang, dass du auch diese verstehen kannst. Und so fügen sie sich zu deinem Eisberg dazu und beginnen, sich aufwärts zu bewegen.

Ein weiteres Beispiel: Fortgeschrittene Lernende können den SP bitten, eine ihnen vertraute Geschichte zu erzählen: zum Beispiel etwas, das der SP und der Lernende gemeinsam erlebt oder beobachtet haben, oder eine Geschichte, die beide kennen. Diese Erzählung wird aufgenommen, und dann hört man sie gemeinsam ab und bespricht alles Schwierige (in der Zielsprache).

In Total Physical Response activities (TPR-Übungen) (entwickelt von James Asher – siehe seine Webseite, http://www.tpr-world.com) gibt der SP den Lernenden Befehle, die sie dann ausführen, ohne dabei zu reden. Beispiel: „Heb den Ball auf und wirf ihn dem Jungen im grünen Pullover zu.”

Diese Art von Übungen erlaubt dem Lernenden, Wörter und Sätze verstehen zu lernen, ohne dem Druck ausgesetzt zu sein, auch gleich sprechen zu müssen. Viele kommunikative Übungen gehören zur Kategorie der TPR-Übungen. Es gelten die gleichen Regeln wie bei der oben beschriebenen „eiliges-Dutzend-Übung ”: Mit zwei Begriffen anfangen, dann immer nur einen neuen auf einmal dazufügen, und sich durcheinander abfragen lassen, bis man ohne zu zögern richtig reagieren kann.

Hier-und-Jetzt-Beschreibungen” sind Übungen, bei denen die Lernenden und der Sprachpate Bewegungen und Handlungen ausführen, und jemand (entweder der SP oder ein Lernender) beschreibt einer anderen anwesenden Person, was gerade vorgeht: „Ich lese, du zeichnest ein Bild, und sie spielen Fußball.” Über „dich, mich, sie, wir” zu reden, ist sehr wichtig im Anfangsstadium, damit der Lernende nicht nur Befehlsformen zu hören bekommt. Hier-und-Jetzt-Beschreibungen bieten schon ganz am Anfang eine Möglichkeit dazu, auch wenn sie ein wenig künstlich sind.

Im Zeitalter der digitalen Fotoapparate ist es ein Leichtes, Fotos zu machen von den Lernenden und dem SP, in verschiedenen Kombinationen, bei verschiedenen Tätigkeiten. Solche Fotos können anstelle der Hier-und-Jetzt-Beschreibungen (oder zusätzlich dazu) verwendet werden: „Auf welchem Bild rennt ihr? Auf welchem Bild esse ich?”, usw.

Eine Alternative zum Auswendiglernen von „Überlebensausdrücken” ist das umgekehrte Rollenspiel. Beispiel: Du zeichnest (oder baust mit Legosteinen oder Bauklötzen) einen Stadtplan mit Häuserreihen und Straßen. Dann spielt der Lernende den Taxifahrer und der SP den Fahrgast, der dem Taxifahrer sagt, wo er hin will. Das nennen wir umgekehrtes Rollenspiel. Der Lernende will lernen, was ein Fahrgast normalerweise zum Fahrer sagt. Er übernimmt also nicht die Rolle des Fahrgasts, denn das ist ja die Rolle, die er lernen will. Zuerst muss er hören, was Einheimische in dieser Rolle sagen. Er hört, verarbeitet und reagiert, indem er ein Spielzeugauto durch die Modell-Stadt oder über den Stadtplan steuert.

Mit geeigneten Gegenständen und Hilfsmitteln kann man sich auf praktisch jede Alltags-Situation durch ein umgekehrtes Rollenspiel vorbereiten.

Wie weiß ich, wieviele Wörter mein Eisberg enthält?

Am Ende der Sprachsitzung schreibst du (oder der SP) die neuen Wörter auf, die in dieser Sitzung vorgekommen sind. Diese Wortlisten helfen dir, deinen Fortschritt zu beobachten. Du kannst auch Wörter aufschreiben, die du in spontanen Gesprächen gehört (und im Zusammenhang verstanden) hast.

Schlüssel 3: Die Begegnungen mit neuen Wörtern sollen „echte Begegnungen” sein

Oberflächliche Begegnungen

Ich habe Unterrichtsstunden beobachtet, in denen ein Wort vorkam, das den Studenten unbekannt war. Ein Student fragt den Lehrer danach, und dieser liefert ihm sogleich eine Übersetzung in die Muttersprache des Studenten. Dann geht man rasch zum nächsten Thema über. Ich bin überzeugt, dass solch oberflächliche Begegnungen mit einem neuen Wort nicht dazu beitragen, es im Eisberg des Lernenden zu verankern.

Sich mit dem Wort auseinandersetzen

Es scheint nötig zu sein, sich mit dem Wort ernsthaft auseinanderzusetzen, mehrmals zu hören wie es klingt, und sich über die Bedeutung zu unterhalten. Wenn ich also ein neues Wort höre und im Laufe einer Unterhaltung verstehe, sage ich es mir zu allermindest ein paar Mal vor und denke über die Bedeutung nach.

Während meiner Sprachsitzungen versuche ich, über jedes neue Wort mit dem SP kurz zu reden. Aber auch so bin ich oft versucht, über ein neues Wort allzu rasch hinwegzugehen. Es ist dann fraglich, ob ich dem Wort „wirklich begegnet” bin.

Tonaufnahmen zur Vertiefung der Begegnung

Im Laufe der vergangenen Wochen haben meine Frau und ich 690 Wörter zu unseren Wortlisten dazu gefügt (und hoffentlich auch zu unseren Eisbergen). Es war uns klar, dass wir vielen dieser Wörter nur oberflächlich begegnet sind. Wir haben also angefangen, Wortschatz-Aufnahmen zu machen, die sich als sehr hilfreich erweisen. Hier ein Beispiel:

BERG – Ich bin mit dem Fahrrad schnell den Berg hinunter gefahren. — BERG.”

Die Aufnahme hilft am meisten, wenn der Beispielsatz mit dem neuen Wort zu dem Thema gehört, in dem wir das neue Wort angetroffen haben. Wenn wir uns dann die Aufnahme wieder anhören, beginnt das Wort im Eisberg höher zu steigen. Aus verschiedenen Gründen funktioniert allerdings auch das nicht immer.

Wir hören uns jeden Abend eine kleine Weile solche Aufnahmen an. Danach kopiere ich die Aufnahmen auf den Computer. Wörter, mit denen ich bereits gut vertraut bin, lösche ich. Auf diese Art brauchen wir je länger je weniger Zeit, ältere Aufnahmen anzuhören. Das gelegentliche Anhören solcher Aufnahmen bietet eine einfache Möglichkeit, Wörter zu wiederholen. Die Aufnahmen zu unseren 690 Wörtern sind etwa 100 Minuten lang.

Wörter von früher auffrischen

Wir haben kürzlich zwei Jahre alte Aufnahmen von Märchen auf den Computer übertragen. Das hat uns geholfen, uns eine ganze Reihe von Wörtern in Erinnerung zu rufen, die wir damals angetroffen haben. Jedes Märchen ist etwa drei Minuten lang – leicht verdauliche Portionen. Wenn ein Wort vorkommt, mit dem wir nicht mehr so vertraut sind, halten wir das Gerät an, spielen das betreffende Wort in seinem Zusammenhang ein paar Mal ab, und machen dann weiter.

Wie tief die Begegnung geht, liegt an dir

Hauptsache du stellst sicher, dass deine Begegnungen mit neuen Wörtern in die Tiefe gehen. Wörter, die nur an dir vorbeifliegen, fügen sich zwar vielleicht zur Basis deines Eisbergs dazu, aber sie werden nicht automatisch höher steigen.

Schlüssel 4: Zielorientiert arbeiten

Zeiten für konzentriertes Sprachelernen

Aus beruflichen Gründen können wir nur periodisch Sprachsitzungen machen. Jedes Jahr schalten wir Perioden von 3 bis 5 Monaten ein, während denen wir zehn Stunden pro Woche in Sprachsitzungen investieren. Unsere Situation ist vergleichbar mit jemandem, der in einer neuen Kultur ankommt und sogleich viel Zeit für seinen Beruf aufwenden muss. Vor allem in solchen Situationen ist es wichtig, sich klare Ziele zu setzen, auf die man dann hinarbeitet.

Zielorientiert arbeiten – die Einheit

Fürs Ziele setzen schlage ich den Begriff der „Wortschatzeinheit” vor. Eine „Einheit” umfasst tausend Wörter. Wir haben ein Langzeit-Ziel (das sich über den gesamten Zeitraum erstreckt, in dem wir mit einem SP arbeiten), bewusst zehn Wortschatzeinheiten in unserem Eisberg zu verankern. Vielleicht zwei Einheiten pro Jahr. Und von Zeit zu Zeit alle Wörter, mit denen wir nur wenig vertraut sind, aufzufrischen.

Na ja, nicht genau tausend…

Wörter, mit denen wir nur sehr oberflächlich vertraut sind, werden wahrscheinlich mehr als einmal auf den Wortlisten erscheinen, denn wir erinnern uns nicht daran, dass wir dem Wort überhaupt schon einmal begegnet sind. Unter idealen Sprachlernbedingungen schätze ich, dass das etwa zehn Prozent aller Wörter ausmacht, die wir aufschreiben. Wenn wir also 1000 wirklich neue Wörter pro Einheit haben wollen, müssen wir gut 1100 Wörter aufschreiben. Unser Ziel pro Stunde Sprachsitzung ist durchschnittlich 7.5 neue Begegnungen. Wenn zehn Prozent der „neuen” Wörter solche sind, die wir früher schon einmal aufgeschrieben haben, dann müssen wir uns also zum Ziel setzen, durchschnittlich 8.25 „neue“ Wörter aufzuschreiben.

Unsere alljährlichen Teilzeit-Sprachlernblöcke sind natürlich keine ideale Situation. Wir brauchen deshalb mehr Wiederholung und Vertiefung von Wörtern, die wir früher schon angetroffen haben. In unserem Fall sind etwa 20 Prozent der „neuen” Wörter nicht wirklich neu. Um 1000 wirklich neue Wörter zu bekommen, müssen wir also etwa 1250 zu den Listen hinzufügen. Entsprechend muss dann auch das Stundenziel angepasst werden.

Welche realistischen Ziele wirst du dir für den Aufbau deines Eisbergs setzen?

Schlüssel 5: Wörter bewusst auffrischen

Originalaufnahmen und Wortlisten

Wörter, denen wir nicht oft begegnen (nach Schlüssel 2), müssen wir bewusst von Zeit zu Zeit auffrischen. Für uns geht das am besten mit Aufnahmen von den Situationen, in denen wir dem Wort zuerst begegnet sind – Geschichten, die wir aus Bilderfolgen gebaut hatten, vertraute Geschichten, ethnographische Befragungen, Unterhaltungen zwischen Muttersprachlern. Diese Aufnahmen müssen systematisch aufbewahrt werden, und es braucht gut organisierte Querverweise zu den entsprechenden Wortlisten. Wenn wir uns dann zum Beispiel das Schneewittchen auf Arabisch wieder anhören, werden alle Wörter, die während jener Sprachsitzung zum Eisberg dazugefügt wurden, aufgefrischt und dadurch ein wenig nach oben befördert. Die Wortliste wird uns an jene Wörter erinnern, die wir nicht mehr spontan erkennen.

Zwei Arten von Wortschatz-Aufnahmen

Wortschatz-Aufnahmen sind auch sehr effizient, um Wörter aufzufrischen. Wir reservieren uns am Ende jeder zweistündigen Sprachsitzung 10 bis 15 Minuten, um solche Aufnahmen zu machen.

Die eine Art von Aufnahmen ist beschrieben unter Schlüssel 3. Bei der anderen Art gehen wir gegen Ende der Sitzung einfach durch die Wortliste durch und besprechen der Reihe nach jedes Wort mit dem SP, in der Zielsprache. Dieses Gespräch nehmen wir auf, und hören es uns in gewissen Abständen wieder an.

Schlüssel 6: Konkret über das Wachstum des aktiven Wortschatzes nachdenken

Darauf achten, wie der Eisberg das Reden beeinflusst

Manche Leute finden es hilfreich, zu beobachten, wie Wörter vom Eisberg regelmäßig in ihr eigenes Reden einfließen (im Gegensatz zum passiv bleiben). Man kann sich sogar bewusst dazu bringen, über ein bestimmtes Thema zu reden, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass Wörter, die sich in tiefer gelegenen Schichten des Eisbergs befinden, über die Oberfläche hinaufsteigen.

Erinnern wir uns dran, dass unser Ziel ist, neue Wörter viel schneller in die unteren Schichten des Eisbergs einzubauen, als sie in unserem eigenen Reden verwenden zu lernen. Die Wörter werden mit der Zeit aufsteigen. Viele werden wir bald selber verwenden können, und andere werden wir vielleicht nie selber verwenden. Wenn der Eisberg gesund ist, wird man langfristig gesehen die Mehrzahl der Wörter zwar verstehen, aber nicht selber verwenden.

In meinem Kasak-Eisberg gibt es zum Beispiel Wörter für drei oder vier verschiedene Rassen von Schafen. Ich erkenne sie problemlos, wenn ich sie im Zusammenhang höre, aber ich werde wohl selber keine einzige davon je verwenden, außer ich komme in eine Situation, wo ich viel mit Schafen zu tun habe.

Eisberge dienen zunächst dem Verstehen

Ich habe kürzlich gelesen, dass man (beim Lernen einer europäischen Sprache) den Punkt erreicht hat, wo man „von selber weiter lernt”, wenn man ungefähr 10’000 Wörter verstehen kann, schriftlich oder mündlich. Um Unterhaltungen über die gebräuchlichsten Alltags-Themen zu führen, braucht man dagegen nicht einmal 2000 Wörter verstehen zu können. Wenn das stimmt, dann machen also 8000 Wörter den Unterschied aus zwischen „zwischenmenschliche Beziehungen mit Leuten, die einen gut kennen (und ihre Sprache dem Niveau des Lernenden anpassen), pflegen können” und „fast alles verstehen, was man in normalen Unterhaltungen zwischen Einheimischen hört”.

Wie lerne ich aber die richtigen 10’000 Wörter verstehen, und wie kriege ich die richtigen 2000 Wörter in meinen Grundwortschatz? Das ist gar nicht so kompliziert. Du musst einfach

       – genügend Wörter in den Eisberg einbauen, und dann

       – dich genügend verstehbarem Input aussetzen, so dass

 – ein Teil der Wörter ständig aufgefrischt wird und

 – andere rasch im Eisberg höher steigen, und so weiter.

Dann werden dir die wichtigsten Wörter ganz von selber die vertrautesten werden, gefolgt von den nächst wichtigsten, und so weiter. Auf diese Art wirst du nicht viel Zeit verschwenden auf Wörter, deren Schicksal es ohnehin ist, in den unteren Schichten des Eisbergs zu bleiben.

Die Hauptsache: Ständig neuen Wörtern begegnen

Nach diesen sechs Punkten denkst du vielleicht: „Das Eisberg-Prinzip klang so einfach und ermutigend, und jetzt ist doch alles wieder so kompliziert.” Das ist nicht meine Absicht. Wir gingen ja davon aus, dass wir uns nicht groß ums Beherrschen von Wörtern kümmern müssen. Stattdessen sollen wir uns mit ihnen bekannt machen und sie mit der Zeit vertiefen und verstärken. Dies ist nach wie vor der Schlüssel.

Vielleicht ist es dir lieber, das Eisberg-Prinzip einfach im Alltag wirken zu lassen, indem du auf neue Wörter, die du antriffst und verstehst, auch wirklich achtest, und es dabei zu belassen. Aber wenn du den Mut zu verlieren beginnst und denkst, das Eisberg-Prinzip funktioniere nicht, dann wirst du vielleicht die sechs Punkte dieses Artikels doch nochmals in Betracht ziehen.

 

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